Zwar beginnt mit dem 1. September der meteorologische Herbst, das will aber heutzutage nicht mehr allzu viel heissen, auch wenn sich der Monatsbeginn vielerorts von der herbstlichen Seite zeigt. So mancher September seit der Jahrtausendwende hat bewiesen, dass er durchaus noch richtig sommerlich auftreten kann. Und zwar so, dass auch jene, denen die Sommer bei uns inzwischen zu heiss geworden sind, durchaus noch Freude daran finden können. Nach durchzogenem Start schickt sich der diesjährige an, diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

Jungvögel beobachten im Herbst? Mit etwas Glück an Bergseen. Mglw. höchstgelegene dokumentierte Reiherenten-Brut im Kanton Bern (Grindelwald, 1863 m, 05.09.2023)
Der Optimismus bezüglich einer Sommerverlängerung ist durchaus bemerkenswert, waren doch die Langfristmodelle noch bis vor wenigen Tagen auf eher nass-kühl gebürstet. (Hoffentlich) anders als im Juli kam die 180°-Wende diesmal vor dem Monatswechsel, um noch in der Monatsprognose berücksichtigt zu werden. Der neueste CFS-Lauf will es sogar rekordwarm – so mutig, um auf diesen Zug aufzuspringen, bin ich dann aber doch nicht, deshalb wurde ein etwas gemässigterer Lauf ausgewählt, der von den aktuellen Mittelfristmodellen gestützt wird. Dass es in der zweiten Monatshälfte wieder kippen kann (und sei es erst in den letzten Tagen), weiss die treue Leserschaft natürlich längst, der Hinweis darauf sei aber für Neulinge wieder mal erlaubt.
Die über den Gesamtmonat gemittelte Anomalie im Höhendruckfeld zeigt eine klassische Blockadesituation mit starker, aber nicht extremer positiver Druckanomalie über ganz Nord- und Mitteleuropa und negativer Anomalie zwischen Südgrönland und Irland. Der Atlantik ist also durchaus aktiv, kann sich aber nur selten auf dem Kontinent durchsetzen. Typisch dafür ist die winkelförmige Westlage gleich zum Monatsbeginn, die durchaus noch später im Monat auftreten kann. Zyklonale Westlagen können sich jeweils nur kurz manifestieren. Über weite Strecken werden aber Lagen des Grosswettertyps Hoch und Südwest über Süd bis Ost diesen Monat prägen.
Die unten gezeigte Karte mit den Temperaturabweichungen hat den Wärmepol für meinen Geschmack etwas zu westlich drin, CFS liefert jedoch im Gegensatz zum europäischen Modell keinen Lauf mit den höchsten Abweichungen von Skandinavien bis Osteuropa. Gut möglich also, dass Frankreich ungefähr im Mittel landet, das westliche Mitteleuropa etwa 1 Grad darüber, weiter östlich kann es eskalieren, muss aber nicht. Bekanntlich ist der September aufgrund von unberechenbaren Einflüssen von Ex-Tropenstürmen nicht gerade der einfachste Monat.
Weite Teile Mittel-, Nord- und Osteuropas werden einen weiteren zu trockenen Monat sehen, tendenziell zu nass wird es im Westen. Am anfälligsten für Starkniederschlagsereignisse ist der Bereich zwischen den Pyrenäen und den Südalpen. Hier reicht ein einziges abtropfendes Tief (Trog Westeuropa oder Südost zyklonal), um die Sache aufgrund des viel zu warmen Mittelmeers eskalieren zu lassen – der August hat ja schon mal gezeigt wie das funktioniert.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Nördlich der Alpen sieht es aktuell nicht nach aussergewöhnlich nassem oder trockenem Wetter aus, die derzeitigen ziemlich normalen Wasserstände der Alpenrandseen werden wahrscheinlich mehr oder weniger Bestand haben. Beobachter des Herbstzuges werden somit an den bekannten Rastplätzen fündig. Ebenfalls keine grosse Änderung ist beim etwas zu tiefen Wasserstand des Neusiedler Sees zu erwarten. Weiterhin prekär ist die Situation an vielen seichten Gewässern im nördlichen Mitteleuropa, dort setzt sich die Trockenheit wahrscheinlich fort.

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur in rund 1500 m Höhe gegenüber der Klimanorm 1991-2020

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Eine Verifikation der Langfristprognose für den vergangenen Monat mit einem Rückblick der Witterung in Europa finden Interessierte jeweils ab dem 4. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch.
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