Wenn der Sommer schon nicht mehr zum klimatologischen Ende im August endet, dann zumindest zum klimatologischen Sommerhalbjahr Ende September. Wobei man da angesichts der bis ganz am Schluss noch gemessenen Hitzetage auch nicht mehr sicher sein kann. 2026 setzt eben ganz neue Massstäbe, was sich unter anderem in veränderter Sprache äussert: Plötzlich wird bei Temperaturen deutlich über 30 Grad von „spätsommerlich“ oder „sehr mild“ gesprochen. Noch vor wenigen Jahren hätte man denen den Vogel gezeigt – ich tue es heute noch, denn alles über 20 Grad ist ganz sicher nicht „mild“, sondern schlicht warm oder eben im Fall von über 30 Grad „heiss“. Solche Einleitung lässt vermuten: Wir werden auch im Oktober noch die eine oder andere Sprachverwirrung erleben.

Wenn man vor lauter Vögel die Landschaft kaum mehr sieht, ist ungeachtet der Temperaturen Herbst (Starenschwarm Mitte Oktober 2011 bei Bern)
Eine weitere Kuriosität ist von manchen Kollegen das penetrante Leugnen eines Einflusses von El Niño auf Europa, da dessen Wetter (zwar korrekt) überwiegend vom Atlantik gemacht wird. Wenn aber El Niño jegliche Hurricane-Aktivität im Atlantik unterdrückt, ist dies sehr wohl ein (indirekter) Einfluss auf unser Wetter, denn so kommt schlicht kein neuer Schwung in unsere Wetterküche und die blockierte Lage bleibt schier unendlich zementiert. Mit solch neuartigen Zuständen bekunden die Wettermodelle ihre liebe Mühe, entsprechend werden für Oktober die wildesten Rechnungen in beide Extreme aufgetischt. Vergleiche mit früheren extremen El Niño-Jahren wie 2015 und erst recht 1997 bringen nichts, denn seither ist das Klima ein ganz anderes geworden und die Auswirkungen der neuen Ausgangslage auf unsere Witterung ein riesiges Schwarzes Loch. Der Oktober 2026 verspricht somit vielleicht mehr Spannung als man nach dem eher langweiligen Start in den Herbst vermuten könnte.
Nach der Erfahrung des gesamten letzten Semesters mit den Spassläufen von CFS in die kalte Richtung wird auch diesmal auf die warme Schiene gesetzt, denn bereits die erste Oktoberwoche spurt schon mal kräftig vor. Danach soll sich zwar vorübergehend ein atlantischer Rücken einstellen und uns etwas kühlere Luft aus nördlichen Richtungen bringen. Im Gesamtmonat geht diese Wetterlage allerdings unter, denn die überwiegend gerechnete Luftmassenherkunft stammt aus dem Südsektor. Verantwortlich dafür ist eine Hochdruckanomalie mit Zentrum über Westrussland, die auch auf weite Teile Skandinaviens und Osteuropas ausstrahlt und sogar eine brückenartige Verbindung über die Britischen Inseln hinweg zum Azorenhoch aufnehmen soll. Tiefdruckanomalien findet man im Raum Grönland-Island und sehr schwach im zentralen Mittelmeer, sowie im nördlichen Alpenvorland, was ein Leetief-Effekt häufiger Föhnlagen sein dürfte.
Die Temperatur-Anomalie (im Winterhalbjahr wechseln wir wegen häufigerer Inversionen wieder auf die 2m-Temperatur) wird für Mitteleuropa meist zwischen +1 und 2.5 Grad gerechnet, wobei es in den Föhngebieten inneralpin und am Nordrand der Alpen durchaus auch gegen +3 Grad gehen kann. Die grössten Abweichungen finden wir in Nordeuropa mit bis zu +5 Grad und auf der anderen Seite in Südosteuropa und etwas schwächer ausgeprägt in Teilen Westeuropas, hier soll sich offenbar der vorübergehende Nordlagen-Einfluss am stärksten auswirken.
Die Auswirkungen der abnorm hohen Wassertemperaturen des Mittelmeers zeigen sich in den Niederschlagsanomalien, die für weite Teile des Mittelmeerraums im ohnehin nassen Herbst sehr deutlich gerechnet werden – Meldungen über Unwetterschäden und Überflutungen werden bestimmt nicht ausbleiben. Auswirkungen davon können bis in den Stau der Alpensüdseite zu spüren sein, auch wenn die Modellrechnung diesbezüglich nicht extrem aussieht. Nördlich der Alpen wird sich die Trockenheit trotz gelegentlichen Niederschlägen fortsetzen, denn weiterhin wird hier mit unterdurchschnittlichen Summen gerechnet.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Überraschungen kann man zwar aufgrund der hohen Wassertemperaturen der Meere rund um Europa herum nicht ausschliessen, sollte sich doch ein tiefdrucklastigerer Monat einstellen als prognostiziert. Nimmt aber alles seinen gewohnten Gang, bleiben die Pegelstände der Gewässer nördlich der Alpen rekordtief. Seichte Gewässer bieten somit kaum Rastplätze für Zugvögel, Ersatz finden sie in den grossflächig trocken gefallenen Uferstreifen der grösseren Seen. Über Winterfluchten nordischer Arten brauchen wir noch nicht zu spekulieren angesichts der enormen Wärmeanomalie in Skandinavien und Nordrussland.

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur in 2 m Höhe gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Wichtige Änderung: Statistiken zur Witterung im südlichen Mitteleuropa finden Interessierte wieder ab dem 3. oder 4. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch. Angesichts des gegen Null tendierenden Interesses an den ausführlichen Verifikationen im Zuge der Verschiebung der Datenverfügbarkeit nach dem 10. des Folgemonats wird ab sofort auf deren aufwändige Erstellung verzichtet. Im neu geschaffenen Gefäss Kurzmeldungen können aber bei Bedarf interessante Monatsanalyse-Karten gezeigt werden.
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