Alle Jahre wieder: Die Oktober-Prognose steht an und auf dem Atlantik tanzen gleich zwei Hurrikane die Wettermodelle schwindlig – was zur Folge hat, dass diese bereits in der nahen Mittelfrist von einem Lauf zum nächsten Purzelbäume schlagen. Und dann soll man zuverlässig den Gesamtmonat einschätzen können? Wahrscheinlich ist dies auch 2025 gleich von Anfang zum Scheitern verurteilt, unversucht lassen wollen wir es aber trotzdem nicht. Womit der Informationspflicht bezüglich Zuverlässigkeit solcher Prognosen gleich zu Beginn Genüge getan wurde, der Scharlatan-Vorwurf wird jedoch von den bekannten Stimmen so oder so nicht verstummen.

Der Schweizer Vogel des Jahres 2025 darf natürlich nicht fehlen – so ein Ro(s)tkehlchen passt ja auch bestens in den Herbst (Aufnahme aus Oktober 2023, Region Bern)
Der Oktober legt wie so oft in den letzten Jahren gleich wieder einen Kaltstart hin und lädt damit dem Gesamtmonat eine schwere Hypothek für die Temperaturbilanz auf. Man muss aber nicht weit zurückschauen, um gleich zwei Oktober (2024 und 2022) zu finden, die einen zur Jahreszeit inversen Temperaturverlauf aufwiesen. Vorsicht also, wenn die Langfristmodelle einen zu kalten Oktober zeigen, meist handelt es sich dabei um eine Lernresistenz gegenüber der markanten Klimaerwärmung. Ich schicke hiermit voraus, dass ich die negativen Anomalien in der unten gezeigten Karte für zu übertrieben halte. 2022 hat gezeigt, dass mittlerweile auch Ende Oktober noch Tropennächte statt Nachtfröste möglich sind. Ein paar solcher Nächte schlagen in der Bilanz dann ganz mächtig ein und drehen einen bis kurz vor Monatsende zu kühlen Monat noch deutlich ins Plus. Muss nicht, aber kann – auch in diesem Jahr. Lassen wir uns also vom April des Herbstes überraschen.
Angesichts der unsicheren Ausgangslage mit den Ex-Tropenstürmen auf dem Atlantik ist es sinnvoll, sich auf den allerneuesten Modelllauf zu stützen. Dieser zeigt eine mässig positive Druckanomalie mit Zentrum westlich von Irland, die bis zu den Alpen reicht. Aufgrund einer Kälteanomalie im zentralen Atlantik, die aus den ansonsten deutlich zu warmen Meeren heraussticht, ist eine reduzierte Tiefdrucktätigkeit in dieser Region durchaus plausibel. Atlantische Tiefs ziehen also entweder weit nördlich oder weit südlich – eine völlig gegensätzliche Situation als noch genau vor einem Jahr. Den nördlich ziehenden Tiefs steht nach wie vor ein blockierendes Hoch über Nordwestrussland im Weg, sie werden also über Skandinavien zum Abtropfen gezwungen. Entsprechend taucht eine negative Druckanomalie über Südosteuropa auf, die allerdings in der Höhe ausgeprägter ist als am Boden (= Kaltlufttropfen). Aus dieser Konstellation lässt sich auf häufigen Hochdruck in Westeuropa schliessen, ergo Nordwest- bis Nordlagen und Hochs in Mitteleuropa mit vermehrtem Einfluss von Höhentiefs in den östlichen Regionen und Neigung zu Ostlagen, wenn das Hoch zwischenzeitlich mal nach Skandinavien wegflutscht. West- bis Südlagen dürften somit in diesem Monat eher kurze Gastspiele geben.
Wie bereits erwähnt gehe ich einmal mehr von einem Kaltbias im Modell aus, für Mitteleuropa erwarte ich eher einen Monat im knappen Plus, also mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Null vor dem Komma, das wäre auch konsistent zu den vergangenen drei Monaten. Auch die Kälte in Grönland dürfte stark übertrieben sein – lassen wir uns überraschen, was davon noch übrig bleibt. Ein leicht untertemperiertes Südosteuropa ist bei der aktuellen Ausgangslage wahrscheinlich, aber auch hier nicht so extrem wie vom Modell gerechnet. Viel eher vermute ich, dass die positiven Abweichungen in Skandinavien und Südwesteuropa stärker ausfallen werden.
Beim Niederschlag fällt die hohe positive Abweichung in Südosteuropa auf, verursacht durch die dortigen Kaltlufttropfen. Auf dem Atlantik ziehen Ex-Tropenstürme ihre blauen Bahnen, einerseits auf südlicher Route via Azoren Richtung Marokko oder allenfalls auch noch Iberische Halbinsel (die gerechnete Trockenheit dort steht somit auf wackligen Füssen), andererseits Richtung Schottland und Norwegen. Aufgrund überwiegender nord- bis nordwestlicher Anströmung wird die Alpensüdseite über längere Zeit trocken sein. Aber wehe es stellt sich auch nur eine einzige kurze Südwest- oder Südlage ein: Das 2-3 Grad zu warme Mittelmeer stellt mehr als genug Energie zur Verfügung. Wird der ganze klimatologische Normniederschlag innerhalb weniger Stunden abgeladen, ist die Trocken-Anomalie im Nu weg und die Bilanz zur Langzeit-Charakteristik des Monats völlig verfälscht.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Auf frühe Winterfluchten nördlicher Arten braucht man in diesem Jahr nicht zu hoffen, ganz anders als in den Vorjahren gibt es diesmal keinen frühen strengen Wintereinbruch in Skandinavien. Auch der in der letzten Septemberwoche gefallene Schnee in den Alpen ist bald wieder Geschichte und es stellen sich Normalzustände ein, die bis auf weiteres halten dürften. Die Wasserpegel der nördlichen Alpenrandseen bewegen sich um die jahreszeitliche Norm und werden tendenziell weiter sinken, Schlickflächen für rastende Zugvögel sind also vorhanden. Etwas Kummer macht das Schlechtwetter auf der Route der Südostzieher, hier dürften einige in Schwierigkeiten geraten – hoffen wir, dass eine Katastrophe wie im Vorjahr ausbleibt.

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur 2 m über Boden gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)

Wassertemperatur-Anomalie Nordatlantik per 01.10.2025
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Eine Verifikation der Langfristprognose für den vergangenen Monat mit einem Rückblick der Witterung in Europa finden Interessierte jeweils ab dem 4. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch.
Finden Sie die Prognosen und Artikel von orniwetter.info nützlich und möchten sie nicht mehr missen? Da die Schaltung von aufdringlicher Werbung nicht nur viele Leser verärgert, sondern bei einer relativ wenig frequentierten Seite auch finanziell kaum etwas bringt, ist orniwetter.info als gemeinnütziges Projekt eines Kleinstunternehmens in einem schwierigen Marktumfeld auf freiwillige Unterstützung dringend angewiesen. Ohne die Entwicklung eigener Prognosekarten, finanziert durch die treue Leserschaft dieser Seite, wäre das Projekt im Frühling 2021 nach dem Verlust der Karten bei meteociel.fr gestorben. Über den PayPal-Spendenbutton können auch Sie unkompliziert die Wertschätzung für diese Arbeit zum Ausdruck bringen und sichern somit den Fortbestand dieses kostenlosen Angebots. Ganz herzlichen Dank!
Noch besser, weil für die Empfängerin spesenfrei, sind direkte Einzahlungen auf eines der angegebenen Konten unter den Kontaktdaten.
Spendenbarometer letzte 12 Monate (orniwetter + fotometeo zusammen, Erklärungen dazu hier):

