Dem Jahr 2025 scheinen allmählich die Flausen auszugehen, denn der Oktober hat schon mal geliefert, was erwartet wurde. Das macht optimistisch für die November-Prognose, auch weil sich die Hurrikan-Saison allmählich dem Ende zuneigt. Jedenfalls sind sich die Modelle in groben Zügen einig, was Atlantik-Aktivität und Hochdruckblock über Osteuropa angeht. Im Detail bleibt nur noch offen, wie persistent die beiden Druckgiganten sein werden und welche Seite stärker Mitteleuropa beeinflussen wird.

Der Graureiher muss wieder mal als Symbolvogel für den grauesten Monat des Jahres hinhalten. Das Bild stammt allerdings aus dem Frühling, wie die Prachtfärbung des Schnabels verrät. Nach dem trüben Oktober vielleicht ein Omen?
Nur zwei der letzten zwölf CFS-Läufe tanzen bei der Zirkulationsform zwischen Atlantik und Europa aus der Reihe und der Rest ist auch weitgehend mit dem europäischen Modell einig, da gibt es wenig Potenzial für Überraschungen. Wobei diese selbst in solchen Fällen nicht völlig ausgeschlossen sind, alles schon dagewesen. Aber in groben Zügen dürfte die Vertrauenswürdigkeit der Langfristmodelle diesmal gegeben sein. Streitpunkt ist einzig, wie stark die Blockade auch Mitteleuropa vom atlantischen Einfluss abschirmt, also habe ich mich für einen Mittelweg entschieden.
Der herausgepickte Lauf zeigt eine Südwest-Nordost ausgerichtete, mässig ausgeprägte Tiefdruckanomalie über dem Nordatlantik; sie erstreckt sich von Neufundland über Island bis zum Nordkap. Sowohl nordwestlich (über Grönland) wie auch südöstlich über fast ganz Europa mit Schwerpunkt Italien-Balkan ist eine mässige Hochdruckanomalie zu finden. Südwest ist bei dieser Konstallation der häufigste Grosswettertyp, begleitet von seinen Nachbarn Süd und West, und nach Abtropfvorgängen ist am ehesten kurz mit einer Hochdruckbrücke über Mitteleuropa zu rechnen. Die nicht allzu stark ausgeprägten Druckanomalien sind auf den Umstand zurückzuführen, dass im letzten Monatsdrittel West- bis Nordwestlagen allmählich an Gewicht zulegen. Ob es für das obligate Wintermezzo noch vor oder erst nach dem Monatswechsel reicht, dürfte die spannendste Frage sein diesmal. Das europäische Modell lässt es bisher aber gleich ganz weg. Grund dafür ist, dass anders als in den letzten Jahren über Skandinavien kein früher Kaltluftpool entstehen kann. Jener aus Grönland müsste den weiten Weg zu uns über den Atlantik nehmen, was zumindest die tieferen Luftschichten mildert. Dass sibirische Luftmassen den Weg zu uns finden, kann bei dieser Zirkulationsform nahezu gänzlich ausgeschlossen werden.
Wie schon im Vormonat halte ich die von CFS modellierte Kälte in Grönland ohnehin für deutlich übertrieben, EZ ist da ungefähr in der Norm. Die Wärmeanomalie ist über Nordosteuropa am ausgeprägtesten, in diesem Punkt gibt es modellübergreifende Einigkeit. Mitteleuropa wird je nach Region wohl zwischen +2 und +4 Grad zur Normperiode 1991-2020 landen. Das Zünglein an der Waage spielt hierbei, ob antizyklonale oder zyklonale Lagen überwiegen und somit, ob sich die milden atlantischen bis subtropischen Luftmassen auch am Boden durchsetzen können oder ob Inversionslagen überwiegen. Ohne Schneedecke irgendwo in Europa wird so oder so keine Kaltluftproduktion vor Ort stattfinden, was auch bei Hochdruck deutliche Nachtfröste ausschliesst, daher die hohen Abweichungen.
Niederschläge über der Norm erstrecken sich entlang der Tiefdruckrinne von Irland bis zur norwegischen Küste. Abtropfende Tiefs sorgen für die obligaten blauen Flecken im westlichen Mittelmeer bzw. in den Staulagen der benachbarten Gebirge, bei oft südwestlicher bis südöstlicher Anströmung also Pyrenäen sowie West- und Südalpen. Dass diese Niederschläge sehr gerne mal überborden und vom Modell unterschätzt werden, soll hiermit noch mal erwähnt werden. Das sich von der Nordsee bis nach Polen hinein erstreckende Niederschlagsplus wäre ein Produkt der oben erwähnten Nordwestlagen gegen Monatsende, also eher etwas unsicher. Ansonsten sieht es in Mitteleuropa verbreitet nach einem eher trockenen November aus, vor allem wenn man berücksichtigt, dass bereits in den ersten zwei Tagen etwa ein Drittel bis die Hälfte der modellierten Menge in den Messtöpfen landet.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Angesichts des verheerenden Vogelgrippe-Ausbruchs ist der witterungsbedingte Einfluss auf das Zuggeschehen schon fast Nebensache. Egal, ob sich die bereits infizierten Vögel in Mittel-, West- oder Südwesteuropa aufhalten: Gegenseitig anstecken tun sie sich so oder so. Eine wöchentlich aktualisierte Verbreitungskarte der nachgewiesenen Fälle gibt es hier. Winterfluchten aus Nordeuropa sind vorerst keine zu erwarten, einzig eine schlechte Nahrungslage im Norden kann einzelne Arten dazu veranlassen, sich bei uns umzuschauen. Ein Hinweis darauf sind die bisher überdurchschnittlichen Bergfink-Sichtungen in Mitteleuropa und erste Seidenschwänze in Norddeutschland, das dürfte für den weiteren Winterverlauf spannend werden. Die eher trockene Witterung hält die Pegel der Alpenrandseen tief, was sich positiv auf Rastflächen für Watvögel auswirkt.

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur 2 m über Boden gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Eine Verifikation der Langfristprognose für den vergangenen Monat mit einem Rückblick der Witterung in Europa finden Interessierte jeweils ab dem 4. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch.
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