Nach dem zufälligen Eisheiligen-Volltreffer und der anschliessenden Hitzewelle im letzten Maidrittel müssen wir mal über Witterungsregelfälle sprechen. Da finden wir nach Bissolli & Schönwiese (1991) folgendes: kalt-nass mit Nord- bis Nordostlagen vom 20.-31.05, warm-trocken mit Hoch Mitteleuropa vom 02.-08.06., Schafskälte mit Nord- bis Nordwestlagen vom 10.-12.06. Dass sich die jahreszeittypischen Witterungsphasen des Frühlings und Frühsommers im neuen Klima nach vorne verschieben, leuchtet ein und die vergangenen Wochen bilden daher schon fast lehrbuchmässig das neue Normal ab. Demzufolge ist der jetzt Anfang Juni anstehende kühlere Witterungsabschnitt eine vorverschobene Schafskälte, auf die zwangsläufig wieder eine sommerliche Phase folgen muss. Der ehemals kühle Abschnitt zum Siebenschläfer-Zeitraum wäre dann kurz nach Monatsmitte fällig, und zum Monatsende müsste sich dann endgültig die Sommerzirkulation durchsetzen.

Juni ist der beste Monat, um frisch flügge Jungvögel zu beobachten: Grünspechte im Südburgenland am 10.06.2010 (bei grosser Hitze mitten am Nachmittag)
Wenn in der Einleitung von Witterungsregelfällen (auch als Singularitäten bekannt) die Rede ist und man sich gerne auf Statistiken beruft, die selbstverständlich die Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte berücksichtigen sollte, dann ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Langfristmodelle mal wieder völlig im Dreieck springen und somit keine grosse Hilfe sind. Aus den zahlreichen, völlig verschiedenen Rechnungen der letzten Tage wurde somit jener Lauf ausgewählt, der die oben beschriebene Abfolge implementiert und sich auch durch die Entwicklung der Grosswetterlagen-Häufigkeit in jüngster Zeit untermauern lässt. Zusammen mit der bereits im Vormonat erwähnten Kaltwasser-Anomalie im zentralen Nordatlantik und dessen Einfluss auf das atlantisch-europäische Zirkulationsmuster ergibt sich folgende Prognose:
Die über den Gesamtmonat gemittelte Abweichung des Geopotenzials im 500 hPa-Niveau weist ein komplexes, sowohl zonales wie meridionales Muster auf – was die Bedingung der eingangs erwähnten Überlegungen stark unterschiedlicher Witterungsphasen erfüllt: Einerseits erstreckt sich eine negative Anomalie von Grönland über das Nordmeer und Schottland hinweg bis nach Südskandinavien, andererseits ist auch ein Trogmuster vor den Westküsten Europas mit einem Ableger bei den Kanarischen Inseln zu sehen. Hochdruckanomalien befinden sich über dem zentralen Nordatlantik, zwischen Spanien und Südosteuropa, wobei der Alpenraum mit einbezogen wird, sowie über der Arktis bis Lappland. Dies bedeutet, dass sowohl Westlagen (vor allem WA und WZ), Südwestlagen wie auch Südlagen (jahreszeitgemäss hauptsächlich Trog Westeuropa und Tief Britische Inseln) den grössten Teil des Monats prägen dürften. Die statistisch ebenfalls häufigen Hochdrucklagen (BM, HM) werden Übergangsphasen zwischen den zonalen und meridionalen Blöcken bilden, aber kaum mehr so dominant sein wie noch im Mai. Sollte sich mal ein solches Hoch nach Skandinavien oder Nordosteuropa vertschüssen, sind vorübergehend auch zyklonale Ost- (HNFZ) bis Südostlagen (SEZ) möglich.
Die grössten Temperaturabweichungen von der Norm 1991-2020 sind im warmen Bereich unter dem mediterranen Hoch sowie in der Arktis zu erwarten. Damit liegen am Boden im Alpenraum und südlich davon Abweichungen von +2 bis lokal +3 Grad drin, nördlich der Alpen verbreitet +1 bis +2 Grad, in Nord- und Ostseenähe wahrscheinlich nur noch ein knappes Plus im Zehntelbereich. Markante negative Abweichungen erscheinen im Modell fast nirgends – es sei denn unter unserer treuen Leserschaft befinden sich welche, die sich besonders für den Südwesten Grönlands oder die Kaukasusregion interessieren.
Ein komplexes Druckverteilungsmuster hat ein ebensolches bei der Niederschlagsverteilung zur Folge. Nasse Regionen zeichnen sich im Einflussbereich des westeuropäischen Trogmusters ab, ansonsten sind sie bedingt durch Gewittertreffer zufällig verteilt und wahrscheinlich kaum genau dort zu erwarten, wo es die Karte unten auch zeigt. Sollte im zuletzt sehr trockenen Bereich von der Nordschweiz, Baden-Württemberg bis Bayern wie modelliert erneut nur die Hälfte des üblichen Niederschlags fallen, wäre dies keine gute Nachricht. Die Komplexität der Wetterlagenverteilung lässt zumindest auf strichweise ergiebige Gewittertreffer hoffen, ganz alle werden dabei aber vor allem abseits der Gebirgs- und Hügelzone selten bedient.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Um das inzwischen über mehr als ein halbes Jahr gewaltig aufgelaufene Niederschlagsdefizit in manchen Regionen Mitteleuropas auszugleichen, wäre ein Ereignis nötig, das sich niemand wünschen kann. Schaden durch das eine Extrem kann nicht durch einen Schaden durch das andere Extrem gutgemacht werden, also hoffen wir trotz der komplexen Aussichten auf einen halbwegs glimpflichen Ausgang. Die Schneeschmelze bringt nur wenig Wasser aus den Alpen in die Flüsse und Seen, die nasse erste Juniwoche dürfte aber zumindest ein Rekordniedrigwasser gerade noch verhindern. Abgesehen davon ist aber auch ein nass-kalter Juni kein guter Start ins Leben der meisten Jungvögel, so betrachtet ist die vorliegende Prognose insgesamt keine schlechte, wenngleich einige Regionen wohl auch diesmal wieder zu kurz kommen dürften.

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur in rund 1500 m Höhe gegenüber der Klimanorm 1991-2020

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Eine Verifikation der Langfristprognose für den vergangenen Monat mit einem Rückblick der Witterung in Europa finden Interessierte je nach Datenverfügbarkeit ab ungefähr dem 10. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch. Die europäischen Portale brauchen leider für die Veröffentlichung deutlich länger als die NOAA, deren Analyse-Tool seit Mitte März nicht mehr aktualisiert wird.
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