Wenn einem selbst als erfahrene Meteorologin der Mund offen stehen bleibt, dann ist in Mitteleuropa ein neues Klimazeitalter angebrochen. Völlig überraschend war die Rekord-Hitzewelle der zweiten Junihälfte zwar nicht – war ja nur eine Frage der Zeit, bis jene des Sommers 2003 abgelöst werden würde. Die Dauer und vor allem die Heftigkeit zu diesem frühen Zeitpunkt im Sommer hingegen war unvorstellbar. Nun dürfen wir uns darüber den Kopf zerbrechen, was diese noch nie dagewesene Vorgeschichte mit dem Rest des Sommers macht. Modelle können das nicht abbilden, weil eben nicht auf neuartige Extremsituationen programmiert. Sie können einzig den Trend vorgeben, den Rest muss man sich selbst hinzudenken.

Mauersegler nisten häufig in Hohlräumen im Dachbereich, in denen es extrem heiss werden kann (Wien-Favoriten, Anfang Juli 2010)
Auch am letzten Junitag produziert CFS völlig gegensätzliche Szenarien von grosser Hitze bis durchzogener Kühle, wobei für Letzteres der Meteorologin die notwendige Fantasie fehlt, wie es zustande kommen sollte. Kurze „Kalt“lufteinbrüche ja – die Ausgangslage sieht ja immer noch ähnlich aus wie 2015. Allerdings hat die zweiwöchige Hitzewelle die Meere an den Küsten Westeuropas so stark erwärmt, dass wir nun eine gemässigte Pufferzone zur Kaltwasseranomalie im Nordatlantik haben. Mit der Erfahrung, dass Langfristmodelle Extremereignisse nicht erkennen, wurde diesmal der für Mitteleuropa wärmste Lauf gewählt. Das Risiko, dass dies gewaltig in die Hose gehen kann, ist mir bewusst – allerdings in beide Richtungen. Dass auf eine heisse Juniphase oft eine kühlere im Juli folgt, ist statistisch belegt. Allerdings befinden wir uns derzeit in einer noch nie dagewesenen Ausgangslage, dann haben Statistiken nur geringe Aussagekraft.
Der ausgewählte Lauf zeigt eine brückenartige Hochdruckanomalie von Neufundland über den Nordatlantik und Mitteleuropa hinweg bis nach Osteuropa. Er weist von Irland bis Portugal eine Schwachstelle auf, die typisch ist für die Entwicklung der letzten Jahre mit gehäufterem Auftreten von Trog Westeuropa. Ansonsten sind nach der antizyklonalen (möglicherweise kurz sogar zyklonalen) Nordwestlage des Monatsbeginns antizyklonale Westlagen und Hochdruckbrücke Mitteleuropa am wahrscheinlichsten. Hoch Mitteleuropa ist ebenfalls möglich, deren Trend ist im Juli aber zuletzt stark sinkend, ebenso wie die immer noch häufigste GWL West zyklonal. Diese beiden Lagen dürften allenfalls kurze Übergangsphasen darstellen. Nicht vorgesehen sind in diesem Lauf die in den letzten Jahren stark zunehmenden GWL Tief Britische Inseln und Tief Mitteleuropa – allerdings sind genau diese in den oben angesprochenen kühlen Läufen des Modells enthalten.
Unter der Hochdruckbrücke werden die stärksten Temperaturanomalien in die heisse Richtung erwartet mit ungefähr +3 Grad zur Vergleichsperiode 1991-2020 über Frankreich und dem südlichen Mitteleuropa. Es besteht ein starkes Gefälle nach Norden hin, an Nord- und Ostseeküste steht noch eine Abweichung von +1 Grad, über weiten Teilen Skandinaviens und dem Nordmeer ist die Abweichung negativ. Ebenso im östlichen Mittelmeer aufgrund östlich des Mitteleuropahochs abtropfenden Tiefs, die untypisch für den Hochsommer den ganzen Mittelmeerraum unsicher machen können. Dieser wird zusätzlich von möglichen Westeuropa-Trögen abtropfenden Tiefs regelrecht in die Zange genommen, die in der Karte gezeigte Abweichung von mehr als -3 Grad bei den Kanaren scheint mir aber doch sehr übertrieben.
Durch die weit nördlich verlaufende Frontalzone wird nur ein Streifen von Schottland bis Nordskandinavien überdurchschnittlich nass, das nördliche Mitteleuropa wird wohl deutlich zu trocken. Das südliche Mitteleuropa und der Alpenraum hat nasse Flecken drin, das werden Gewitter sein, die aber erfahrungsgemäss den Niederschlag sehr ungerecht verteilen. Regionale Fortsetzung der Trockenheit und lokale Überschwemmungen durch Unwetter in unmittelbarer Nachbarschaft schliessen sich leider nicht aus. Ebenso chaotisch sieht es in Südeuropa aus, hier können die oben angesprochenen CutOff-Tiefs für lokale Unwetter sorgen. Man darf bei stark positiven Niederschlagssignalen wie gezeigt nicht von einem verregneten Sommermonat ausgehen, ein einziges Gewittertief reicht aus, um diese deutlichen Abweichungen zur Klimanorm zu erzeugen.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Selbst wenn der Juli in Mitteleuropa weniger heiss würde als prognostiziert – der Schaden ist längst angerichtet. Die Kombination aus extremer Hitze mit Trockenheit ist für die gesamte Natur fatal, ganz besonders aber für Jungvögel. Am meisten leiden Höhlenbrüter an Gebäuden wie Segler und Schwalben, die noch flugunfähig der Hitze ihrer Nester entfliehen möchten und abstürzen – die Vogelpflegestationen sind derzeit voll solch armer Geschöpfe. Die Trockenheit reduziert aber auch die Nahrungsverfügbarkeit ganz allgemein in allen Naturräumen und in überhitzten Gewässern mit Niedrigwasser leiden die Fische. Da helfen auch heftige Gewitter mit Hochwasserfolgen nicht, ganz im Gegenteil. Was es ganz dringend bräuchte, sind durchschnittliche, wechselhafte Sommer wie sie früher in Mitteleuropa üblich waren, aber leider immer seltener werden.

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur in rund 1500 m Höhe gegenüber der Klimanorm 1991-2020

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Eine Verifikation der Langfristprognose für den vergangenen Monat mit einem Rückblick der Witterung in Europa finden Interessierte je nach Datenverfügbarkeit ab ungefähr dem 10. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch. Die europäischen Portale brauchen leider für die Veröffentlichung deutlich länger als die NOAA, deren Analyse-Tool seit Mitte März nicht mehr aktualisiert wird.
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Mathias am 1. Juli 2026 um 13:17 Uhr
Einmal mehr herzlichen Danke für deine naturnahe Expertise!
Den Stress, der die mangelnde Nahrungsverfügbarkeit in allen Naturräumen hier in Mergoscia bewirkt, zeigt sich in einem aussergewöhnlichen Schädlingsdruck dieses Jahr: Dachs, Hirsch, Waldmäuse, Ratten…alle wollen an meine Kulturen. Es hat fast etwas Verzweifeltes, Panikartiges.
Seit 2015 ist die Natur hier spürbar aus den Fugen geraten. Über den radikalen Vogelschwund haben wir ja auch schon gesprochen, die Erdkröte habe ich seit 2 Jahren nicht mehr gesichtet, der früher extrem häufige Feuersalamander eine Rarität geworden und natürlich gibt es im Bächlein inzwischen auch keine Bachforellen mehr…
Trotzdem e gueti Ziit, Mathias