Februar-Prognose leicht gemacht? Man nehme die zweite Januarhälfte 2026 und kopiere sie in die erste Februarhälfte – fertig! Natürlich nicht, die zweite Hälfte interessiert auch, aber ist naturgemäss mit grösseren Unsicherheiten behaftet. Der Statistik zufolge müsste sich die nordhemisphärische Zirkulation ab Mitte Februar allmählich normalisieren, sprich: mehr Westlagen, weniger Blockade (hatten wir an dieser Stelle vor einem Monat auch schon mal). Doch der Winter 2025/26 hat sich bisher um sämtliche Statistiken foutiert, also lassen wir uns überraschen…

Wer findet den Fremdling im Erlenzeisig-Schwarm? Futtersuchende Erlenzeisige können im Winter ganz ordentlich Rabatz machen, denn sie fallen dann gerne mal als ganze Hundertschaft in unsere Gärten ein (Bern, Anfang Februar 2019)
Die einschlägigen Portale greifen wieder mal das Modethema Polarwirbelsplit auf (und damit ist in der Regel derjenige in der Stratosphäre gemeint, also jenem hohen Bereich der Atmosphäre, die nur geringen Einfluss auf unser Wetter hat). Es ist zum Mäusemelken mit diesen Schlagzeilen, die nur auf Eines aus sind: Klickbait, dem sich leider auch die Mainstream-Medien nicht entziehen können und mehr oder weniger unfreiwillig ins gleiche Horn blasen: Uuuiiii, da oben tut sich was, Strengwinter im Anmarsch! Dass keiner der involvierten Meteorologen (so darf sich ja mangels spezifischer Ausbildungsmöglichkeiten jeder nennen, der sich zumindest teilerwerbsmässig mit dem Wetter befasst) merkt, dass wir längst einen Polarwirbelsplit in der Troposphäre haben, also in den wetterbestimmenden untersten 12 km, stimmt nachdenklich:

Der nordhemisphärische Polarwirbel ist stark fragmentiert aufgrund hohen Luftdrucks über der Arktis bis in hohe Luftschichten und entsprechend grossräumigem Absinken und Erwärmung der Luftmassen. Grosse Kaltluftansammlungen sind nur über den Kontinenten zu finden, speziell im Bereich Nordosteuropa-Westsibirien und Nordamerika. Man nennt solche Zustände auch WACCy-Winter, abgeleitet von „warm arctic, cold continents“. Das y am Ende wird hinzugefügt, um der Bedeutung eines „verrückten“ Zustandes (engl. wacky) Ausdruck zu verleihen. An dieser seit Wochen anhaltenden Anomalie würde auch ein (derzeit immer noch spekulativer) Polarwirbelsplit in der Stratosphäre mit einhergehendem SSW (sudden stratospheric warming) nichts ändern, das kann alleine der Sonnenstand und die damit verbundene allmähliche Erwärmung der Kontinentalmassen im Lauf des Frühlings wieder in Ordnung bringen.
Die einzelnen Läufe der Langfristmodelle sind sich in letzter Zeit sehr einig, Unterschiede sind nur bei genauem Hinsehen in Details auszumachen. Für Mitteleuropa geht der jüngste Trend immer mehr in Richtung (sehr) mild, ich bin da etwas skeptischer und traue der bodennahen Kaltluft mehr Resistenz zu als von den Modellen gezeigt. Daher habe ich mich für einen Lauf entschieden, der diesen Zustand zumindest teilweise abbildet. Bei den Druckabweichungen besteht kein Zweifel, dass eine stark negative Anomalie den gesamten mittleren Nordatlantik sowie Mittel- und Südeuropa dominiert. Von Grönland über das Nordmeer bis Skandinavien und weiter nach Nordrussland herrscht eine stark positive Anomalie vor. Dies hat eine stark nach Süden verlagerte Frontal- bzw. Westwindzone zur Folge, die im Schnitt über den Azoren und südlich der Pyrenäen und Alpen verläuft. Die aktuelle Südostlage mit dem starken Temperaturgefälle von Südwest nach Nordost bleibt noch ein paar Tage bestehen, gefolgt von einer südlichen Westlage mit ebenso starkem Temperaturgefälle von Süd nach Nord quer durch Mitteleuropa hinweg. Etwa vom 10. bis 15. deutet sich eine Nordlage an, die den Winter für ein paar Tage auch ins südliche Mitteleuropa zurückbringen dürfte. Für die zweite Monatshälfte sollte sich nicht nur nach Statistik, sondern auch nach den Modellen (die aber leider stark auf Statistik beruhen), die Westwindzone allmählich nach Norden verlagern, sprich: Mildere West- bis Südwestlagen sollten dann allmählich auf ganz Mitteleuropa durchgreifend übernehmen, aber damit hatten die Modelle in letzter Zeit des Öfteren ihre Probleme.
Die extremen Temperaturunterschiede in den ersten zehn Tagen zwischen dem nördlichen und südlichen Mitteleuropa bilden sich auch im Monatsmittel noch deutlich ab. Ich zweifle etwas daran, dass eine negative Bilanz zum Mittel 1991-2020 wie in der Karte unten gezeigt im Nordosten Deutschlands bis zum Monatsende ausgeglichen wird, dieser kleine milde Fleck dort wird in fast allen Läufen gezeigt und könnte auf ein Modellartefakt oder falsche Klimadaten zurückzuführen sein. Ein bis zwei Grad im Plusbereich für das südliche Mitteleuropa halte ich hingegen für plausibel, soll doch nach aktuellen Mittelfristmodellen eine kältere Phase erst zur Monatsmitte eintreffen und vermutlich auch nicht allzu lange dauern.
Beim Niederschlag bekommt der Mittelmeerraum und insbesondere das westexponierte Portugal im ersten Monatsdrittel die volle Breitseite ab, später werden auch die weiter nördlich gelegenen Regionen Westeuropas gewässert. Die trockenen Zonen nördlich der Gebirge Mitteleuropas sind der zunächst südöstlichen Anströmung und somit Föhneffekten geschuldet. Damit diese bis zum Monatsende nicht kompensiert werden, müsste eine Blockierung durch Hochs über Mittel- oder Osteuropa auch in der zweiten Monatshälfte bestehen bleiben – derzeit sehr spekulativ. Nordeuropa bleibt unter sehr beständigem Hochdruckeinfluss weitgehend trocken, Ausnahme bilden da die Ostseiten der Gebirge, an denen sich gelegentlich feuchtere Luftmassen stauen können.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Winterfluchten ins mildere südwestliche Mitteleuropa sind hauptsächlich bei Wasservögeln zu beobachten, weil viele Gewässer im Nordosten zugefroren sind. Dieser Trend dürfte in den nächsten zwei Wochen noch zunehmen. Andere nordische Arten wie beispielsweise der Seidenschwanz scheinen sich im kalten Nordosten nach wie vor wohlzufühlen bzw. finden dort offenbar noch genug Nahrung, bisher wurden nur einzelne Sichtungen aus Süddeutschland gemeldet. Als Barriere dürfte der Streifen aktuell stärkerer Schneebedeckung quer durch die Mitte Deutschlands fungieren. Dies zeigt eindrücklich, dass nicht in erster Linie die Temperatur, sondern die Nahrungsverfügbarkeit bzw. -zugänglichkeit über Verbleib oder Flucht in südlichere Gefilde entscheidet.

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur 2 m über Boden gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Eine Verifikation der Langfristprognose für den vergangenen Monat mit einem Rückblick der Witterung in Europa finden Interessierte jeweils ab dem 4. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch.
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