Das mit den ausgehenden Wetter-Flausen 2025 in der Einleitung zur November-Prognose muss ich wohl oder übel zurücknehmen… Noch selten ist eine Monatsprognose bei einheitlich getrimmten Modellen so krachend gescheitert – mehr dazu dann in der Verifikation in ein paar Tagen. Das wird im Dezember garantiert nicht passieren, denn die Modelle sind vogelwild, um beim Hauptthema dieser Seite zu bleiben. Jeden Tag vier Modellläufe übers Kreuz, das muss man erst mal hinkriegen. Ob der aktuell gestörte stratosphärische Polarwirbel Hauptverursacher für das Modellchaos ist oder die lückenhaften Daten aus Donald-Land oder beides zusammen, wird wohl nie restlos geklärt werden können.

Zanken die Spatzen ums eiskalte Wasser, wird der Dezember wahrscheinlich kein nasser (orniwetter-Tränke, Muri bei Bern)
Wenn uns die Mächtigen dieser Welt ins Mittelalter zurückkatapultieren wollen, müssen wir eben neue Bauernregeln erfinden… Spass beiseite: Zumindest in einem Punkt sind sich die Modelle derzeit weitgehend einig: Die atlantische Tiefdruckproduktion wird bis auf Weiteres sehr aktiv sein, induziert durch Kaltluftausbrüche über Nordamerika, die auf den warmen Atlantik hinausziehen und dort markante Temperaturunterschiede auf kleinem Raum verursachen: die optimale Geburtsstätte für Sturmtiefs. Das war’s in Sachen Einigkeit auch schon, denn für Europa wird entscheidend sein, wie sich der nord- bis osteuropäische Block verhält (in der folgenden Grafik rot dargestellt):

Die Modellkonsistenz ist leider auch hier schlecht, denn in den letzten Tagen war blau (positive nordatlantische Oszillation = überwiegend Westwindeinfluss für Mitteleuropa) noch dominierend. Der rote Block hat aufgeholt, nun halten sich die beiden ungefähr die Waage – nicht wirklich eine optimale Ausgangslage für eine verlässliche Prognose. Was man einzig aus dieser Grafik herauslesen kann: Der Atlantik-Block bzw. -Rücken (ATR = violett) ist marginalisiert, was darauf hindeutet, dass die an jedem Tag mindestens einmal vom amerikanischen Modell irgendwann zwischen Tag 12 und 15 gerechnete Nordlage eher unwahrscheinlich ist. Der Block wird von den einzelnen Läufen mal über Skandinavien, mal über dem Baltikum, mal eher über Südosteuropa, mal etwas näher bei uns und mal etwas weiter entfernt im Osten gerechnet. Die Position entscheidet darüber, ob wir in Südwest-, Süd-, Südost- oder Winkelwestlagen geraten oder auch mal direkt unter das Hoch. Erfahrungsgemäss verändern sich solche Blockadehochs über den Gesamtmonat gesehen immer etwas in ihrer Position, können kurzfristig sogar verschwinden und an anderer Stelle wieder neu aufgebaut werden, daher die unterschiedlichen Rechnungen im Modell – der Unterschied liegt lediglich darin, welche der aufgezählten Wetterlagen die häufigsten sein werden oder sich abwechslungsweite etwa die Waage halten. Nordwest- über Nord- bis Ostlagen sind bei dieser Konstellation eher aussen vor.
Bei dieser Ausgangslage bleibt einem strategisch nichts Anderes übrig, als den Kompromiss bzw. das Mittel aus all diesen Rechnungen herauszupicken. Dieses zeigt das erwähnte starke Atlantiktief südlich von Island und westlich von Irland mit Einfluss bis Westeuropa, das Azorenhoch ist eher schwach. Das Zentrum des Blocks wird vom Baltikum bis in die Ukraine gerechnet und erstreckt sich auch bis nach Mitteleuropa und über Skandinavien bis ins Nordmeer, eine schwächere positive Anomalie wird zudem im westlichen Mittelmeerraum und über der Iberischen Halbinsel gezeigt.
Bei der in diesem Lauf gerechneten Position des Blockadehochs ist auch der Weg sibirischer Kaltluft nach Europa versperrt, entsprechend hoch werden die positiven Anomalien mit Schwerpunkt Nordosteuropa gerechnet. Erfahrungsgemäss kühlt die bodennahe Schicht unter Hochdruckeinfluss auch ohne Schneedecke aber stärker aus, was vom Modell gerne unterschätzt wird, die gezeigten +3 Grad für Mitteleuropa halte ich daher für etwas übertrieben, ein bis zwei Grad dürften realistischer sein. Dies wird aber nicht etwa durch abnormal warme Tage zustandekommen, sondern eher der isolierenden Hochnebeldecke geschuldet sein, die knackige Nachtfröste verhindert. Der brühwarme hohe Norden zeigt auch, dass aus dieser Richtung (sollte GFS mit seinen Einzelläufen doch nicht irrlichtern) kein Wolfswinter zu erwarten ist. Einzig Kaltluftausbrüche von Grönland direkt zu uns hätten genug Biss für ein paar ordentliche Wintertage – nachhaltig ist solches in der Regel aber nicht, weil der warme und aktive Atlantik diese Luftmassen rasch erwärmt bzw. wieder verdrängt.
Mittel- und Osteuropa wird somit einen eher trockenen, vielleicht sogar sehr trockenen Dezember erleben. Die atlantischen Fronten legen sich bei uns ins Grab, meist ziehen sie aber von den Azoren über England in Richtung norwegische Südküste. Im Mittelmeerraum wird auch ordentlich Niederschlag gerechnet. Hierzu kann ein einzelnes von einem westeuropäischen Trog abtropfendes Tief ausreichen, um solche Abweichungen zu verursachen, denn die Wassertemperatur liegt nach wie vor deutlich über dem langjährigen Schnitt, im östlichen Mittelmeer deutlich über zwei Grad.
Wer hier eine Aussage über mögliche weisse Weihnachten erwartet, befindet sich auf dem falschen Kanal. Im nicht ganz bierernst zu nehmenden Adventskalender unter dem täglichen Kurzwetterbericht auf der fotometeo-Startseite wird diese überlebenswichtige Frage aber auch in diesem Jahr wieder bedient ;-) Das Türchen wird jeweils um etwa 22:00 MEZ geöffnet.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Kältebedingte Winterfluchten aus Nordeuropa sind nach wie vor kein Thema, allenfalls kann eine durch die Sommerwitterung bedingte Nahrungsknappheit nordische Arten zur Nahrungssuche in Mitteleuropa veranlassen. Die bisherigen Seidenschwanz-Sichtungen bleiben schwerpunktmässig ebenso wie jene wassergebundener Vögel auf Norddeutschland beschränkt. So lange sich dort keine Schneedecke bildet oder Gewässer zufrieren – wofür es zum aktuellen Zeitpunkt keine Anzeichen gibt – ist ein Weiterziehen solcher Arten ins südliche Mitteleuropa eher unwahrscheinlich. Die Pegel der Alpenrandseen bleiben eher tief, möglicherweise veranlasst dieser Umstand zusammen mit der milden Witterung ja einige Durchzügler, noch etwas länger bei uns zu verweilen. Nach wie vor besteht aber die Gefahr, dass sich die Vogelgrippe auch bei uns weiter ausbreitet.

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur 2 m über Boden gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020 (bitte Ausführungen im Text beachten!)
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Eine Verifikation der Langfristprognose für den vergangenen Monat mit einem Rückblick der Witterung in Europa finden Interessierte jeweils ab dem 4. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch.
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Nevena am 9. Dezember 2025 um 16:21 Uhr
Ich liebe Vögel 🤨🦶