Das Jahr 2025 ist eine echte meteorologische Wundertüte. Ist der Hochsommer aufgrund der statistischen Häufigkeit von bestimmten Grosswetterlagen und der Persistenz, der verschiedene Bauernregeln zugrunde liegen, normalerweise die „einfachere“ Zeit im Jahresverlauf für eine zuverlässige Langfristprognose, wurden wir von diesem Juli am Nasenring durch die Manege gezogen. Wenn eine Monatsprognose auf dieser Seite doppelt so viele Klicks bekommt wie im Schnitt, dann ist dies ein Indiz dafür, dass sie gewaltig in die Hose ging. „Modell vertraut, Prognose verhaut“ – dies soll nicht noch mal passieren und so kehren wir zur Tugend vom Juni zurück, wo die Ausgangslage mit divergierenden Modellen ähnlich war wie jetzt für den August, die menschliche Intelligenz aber den immensen Rechenaufwand der künstlichen in den Schatten stellte ;-)

Ein „normaler“ August ist für alle heimischen Brutvögel ein Segen, insbesondere für jene mit einer zweiten Jahresbrut (Hausrotschwanz, Freiburger Voralpen, 10.08.2024)
Was macht die heurige Prognose im Sommer so kompliziert? Nebst den ausgedünnten Daten aus der oberen Troposphäre dank Sparhammer in den USA und fehlendem Personal für die Radiosonden, ist es die aussergewöhnliche Konstellation der Wassertemperaturen rund um Europa. Die letzten Wochen mit mehreren Kaltluftvorstössen haben das bis anhin rekordwarme Mittelmeer in seiner Westhälfte inzwischen auf Normalniveau heruntergekühlt. Weiterhin brühwarm im Vergleich zum langjährigen Mittel sind das östliche Mittelmeer, das Schwarze Meer und das Nordmeer (Grafik). Letzterer Faktor verringert den sonst zu dieser Jahreszeit üblich starken Temperaturgradienten zwischen Wasser und Land in Nordeuropa, was es den Islandtiefs erschwert, bis nach Skandinavien durchzuwandern. In diesem Raum halten sich stattdessen blockierende Hochs, die von den atlantischen Tiefs südlich umlaufen werden – Mitteleuropa und sogar der Mittelmeerraum werden von Tiefdruck dominiert. Das familieninterne Duell zwischen Prof. Siebenschläfer sen., der am Lostag 27. Juni festhält, und Dr. Siebenschläfer jun., Verfechter des Kalenderreform-bereingten 7. Juli, geht somit in die nächste Runde. Allerdings hat der Ältere bereits zur Halbzeit einige Schmisse davongetragen…
Aus diesem Grund wurde ein Lauf gewählt, der eine nicht extreme, aber doch ausgeprägte positive Druckanomalie über Skandinavien und Nordwestrussland zeigt sowie ein leicht nach Norden verschobenes Azorenhoch. Zwischen beiden besteht eine allerdings zeitweilig fragile Brücke. Negative Druckanomalien über Grönland/Island sowie eine schwache über Mitteleuropa lassen darauf schliessen, dass gelegentlich Tiefs vom Nordatlantik abtropfen und über West- bzw. Mitteleuropa in Richtung Mittelmeer wandern. Die naturgemäss schwer modellierbare Zugbahn und Stärke solcher CutOffs wird wahrscheinlich auch der Prognosegüte im August zusetzen. Die damit verbundenen Grosswetterlagen sind Trog Westeuropa und Trog bzw. Tief Mitteleuropa. Dazwischen bekommen aber anders als noch im Juli auch hochdruckbestimmte Phasen eine Chance (Hochdruckbrücke Mitteleuropa, Hoch Fennoskandien antizyklonal bis Südost antizyklonal, mitunter auch West bis Nordwest antizyklonal).
Der Sommer fühlt sich somit weiterhin im hohen Norden wohl, von Lappland bis Spitzbergen ist die zu erwartende Abweichung von bis zu vier Grad zur Klimanorm 1991-2020 am stärksten. Im übrigen Europa ist verbreitet mit nur geringen Abweichungen von der Norm zu rechnen, in Mitteleuropa dürfte es zu einem Plus mit einer Null vor dem Komma reichen. Angesichts der hier zu erwartenden -1.0 bis -1.5 Grad nach dem ersten Monatsdrittel stimmt das modellierte Endresultat für den beginnenden Spätsommer optimistisch. Die in der Karte unten gezeigten negativen Abweichungen durch Höhenkaltluft verursacht werden wahrscheinlich an der Oberfläche milder ausfallen, ein knappes Minus könnte aber mancherorts stehen bleiben.
Die abtropfenden Tiefs bringen Westeuropa und dem westlichen Mittelmeer verbreitet überdurchschnittliche Niederschläge, regionale Starkregenereignisse sind hier wie auch in den Alpen vorprogrammiert. Wer ein einigermassen trockenes Plätzchen für seinen späten Sommerurlaub sucht, ist wahrscheinlich in Skandinavien oder Irland/Schottland am besten aufgehoben.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Entgegen den Erwartungen wurden die nördlichen Alpenrandseen durch die reichlichen Niederschläge der zweiten Julihälfte gut gefüllt – noch vor einem Monat verzeichnete man vielerorts Tiefststände und nun gab es sogar Überschwemmungen – so schnell kann es gehen. Der befürchtete Dürresommer ist jedenfalls im südlichen Mitteleuropa kein Thema mehr, auch nicht in den meisten Regionen im Osten. Rastende Zugvögel werden sich somit an den bekannten Plätzen wohlfühlen. Die zu erwartenden CutOff-Tiefs werden für den einen oder anderen Zugstau mit Chancen auf Raritäten sorgen.

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur in rund 1500 m Höhe gegenüber der Klimanorm 1991-2020

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Eine Verifikation der Langfristprognose für den vergangenen Monat mit einem Rückblick der Witterung in Europa finden Interessierte jeweils ab dem 4. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch.
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