Zwei Monate Aprilwetter haben wir ja bereits hinter uns, was zwar nicht im Alpenraum, aber weiter nördlich in einen neuen März-Rekord mündet – dies nach dem pulverisierten Februar-Rekord und wärmsten Winter seit Messbeginn. Wer jetzt aber den Wonnemonat erwartet, der sei gewarnt: Wärme muss nicht zwingend mit viel Sonnenschein einhergehen, wie uns die letzten Wochen gezeigt haben. Es reicht durchaus, wenn einfach die Kälte (die sich im Frühjahr mit Frostnächten zeigt) ausbleibt. Zunehmende Energie in der Atmosphäre manifestiert sich nicht nur durch Wärme, sondern und vor allem auch durch Feuchtigkeit, mehr Wolken und somit milden Nächten.

Der erste Kuckuck wird diesmal nicht lange auf sich warten lassen – und sich hoffentlich in einem besseren Licht zeigen als am trüben 26. April 2023 (Muri bei Bern)
Bei allem Wissen darum, dass der April von allen Monaten die schlechteste Prognosegüte aufweist, ist die Modelleinigkeit beim grossräumigen Muster in den letzten Tagen erstaunlich. Erst die beiden letzten CFS-Läufe weichen ab – ob dies nun ein neuer Trend ist oder Modellspinnerei, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschliessend beurteilt werden. In solchen Fällen hält man sich besser an die Mehrheit der Läufe, auch wenn diese schon etwas älter sind. Und aus der Erfahrung der letzten Monate pickt man sich einen Lauf heraus, der wärmer ist als das Ensemble-Mittel.
Durchs Band zeigen die Läufe eine extreme negative Geopotenzial-Anomalie über dem nahen Atlantik mit Kern zwischen den Azoren und Irland, die sich bis nach Westeuropa erstreckt. Gegenspieler ist eine ebenfalls beträchtliche positive Abweichung über Osteuropa, die sich nach Südwesten über Nordafrika hinweg in den subtropischen Atlantik fortsetzt. Daraus resultiert im Mittel eine Dominanz südwestlicher Höhenströmung, die durch West- und Südlagen unterbrochen werden kann. Das europäische Modell bastelt für das letzte Aprildrittel an einem Hochdruckblock über Nordeuropa – in den letzten zwei Jahrzehnten ein häufiges Muster im April, allerdings nicht mehr seit 2021, also fraglich und möglicherweise nur ein statistischer Bias des Modells, aber zumindest nicht ausgeschlossen.
Fast permanente Zufuhr subtropischer Luftmassen aus Südwest kann nur in einen deutlich zu warmen April in weiten Teilen Europas führen – insbesondere im eher hochdruckbestimmten Südosten, wo in etlichen Läufen Abweichungen in 2 m Höhe von 5 bis 8 Grad (!) gerechnet werden. Das Gefälle nach Westen und Norden ist allerdings stark: Nördlich der Tiefdruckzone wird häufig sibirische Kaltluft über Lappland aufs Nordmeer hinaus getragen, was die Temperaturgegensätze über dem Nordatlantik befeuert und die Tiefdruckentwicklung weiter fördert, daher die dort gerechnete Persistenz. Die um das Tief herumgeholte Kaltluft erreicht zumindest zeitweise auch Südwesteuropa, sodass dort mit einem durchschnittlichen bis leicht unterkühlten April gerechnet wird. Die mittleren Abweichungen am Boden dürften sich in Mitteleuropa von West nach Ost zwischen zwei und vier Grad bewegen, womit wir uns im Bereich der dritt- bis fünftwärmsten Aprilmonate (2011, 2014, 2020) befinden, wohl aber nicht in Reichweite der zwei dicksten Bretter (2007 und 2018). Rekorde sind am ehesten im Osten und nur dann möglich, wenn sich der Tiefdruckeinfluss aus Westen etwas zurückhält und mehr Sonnenschein als derzeit erwartet zulässt.
Die von Südwest nach Nordost verlaufende Frontalzone hinterlässt eine deutliche Spur beim Niederschlag: Von den Azoren über Westeuropa bis ins Baltikum ist die Wahrscheinlichkeit für einen ziemlich bis sehr nassen April hoch. Auch die Westalpen fangen bei südwestlicher Anströmung einen guten Teil ab, während die Signale im restlichen Alpenraum nicht eindeutig sind. Sollten sich West- und Südlagen in ungefähr ausgeglichenem Verhältnis zeigen, wird der Niederschlag auf der Alpennord- und -südseite ziemlich gerecht verteilt und dürfte sich um die langjährige Norm einpendeln, wobei aktuell die erste Monatshälfte nasser aussieht als die zweite. Tendenziell trockener sieht es im östlichen Alpenvorland sowie im Südwest-Lee der deutschen Mittelgebirge aus.
Auswirkungen auf die Vogelwelt:
Die Dominanz südwestlicher Anströmung sorgt für frühes Eintreffen der Zugvögel in Mitteleuropa: Die Kurzstreckenzieher sind bereits seit Mitte März anwesend, Langstreckenzieher dürften nun nach und nach eintreffen. Sie finden einen reich gedeckten Tisch vor: Durch das bisher extrem milde und alles andere als trockene Frühjahr ist die Vegetation um etwa zwei Wochen der langjährigen Norm voraus, entsprechend auch das Insektenangebot. Genetisch veranlagt sehr spät zurückkehrende Arten werden dadurch benachteiligt: Die Konkurrenz um Nist- und Nahrungsplätze hat sich dann längst installiert und womöglich ist im Mai die Hochsaison der Raupen und Insekten bereits vorbei. Grosse Freude an der warm-feuchten Witterung haben wiederum die Wasservögel und Reiher. Beruhigend ist ob dieser ganzen Entwicklung, dass derzeit kein massiver Kälteeinbruch in den Modellen zu sehen ist – aber wir wissen ja: Der April…

Prognostizierte Abweichung der Monatsmitteltemperatur in rund 1500 m Höhe gegenüber der Klimanorm 1991-2020

Prognostizierte Abweichung des Monatsniederschlags gegenüber der Klimanorm 1991-2020
Die experimentelle Monatsprognose nimmt Trends über die zu erwartende Entwicklung der Grosswetterlage in Europa auf und soll mögliche Auswirkungen der Witterung auf Vogelzug, Bruterfolg und Nahrungsverfügbarkeit der Vögel in den verschiedenen Regionen aufzeigen. Die Einschätzungen über Abweichung von Temperatur und Niederschlag sind jeweils über den Gesamtmonat gemittelt und können somit auch sich ausgleichende Extreme enthalten. Eine genaue Prognose über den detaillierten Witterungsverlauf ist in der Regel nicht möglich. Erfahrungsgemäss stimmt der Trend für die erste Monatshälfte recht gut, während in der zweiten Monatshälfte die Wahrscheinlichkeit von markanteren Abweichungen gegenüber der Prognose zunimmt.
Eine Verifikation der Langfristprognose für den vergangenen Monat mit einem Rückblick der Witterung in Europa finden Interessierte jeweils ab dem 4. des Folgemonats im Blog der Partnerseite fotometeo.ch.
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